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„Ich bin nicht allein für alles verantwortlich!“

Therapiegruppe bei der Caritas-Suchtberatung: Abhängige und co-abhängige Frauen unterstützen sich und lernen voneinander .


„Der Alkohol war für mich der beste Freund.“ Die gepflegte und modern gestylte Frau Mitte 40 sitzt in der Runde und kann relativ unbefangen von einer Zeit berichten, in der für sie eigentlich „alles den Bach runter ging.“ Es waren die Jahre, in denen sie eine Leere zu füllen hatte. Sie wählte dafür den Alkohol, „damit habe ich immer wieder gut funktioniert und war gut drauf“. In dem Maße, in dem ihr Alkoholkonsum stieg, nahmen aber alle anderen Probleme zu: In allen Ecken der Wohnung standen leere Flaschen, auch das geschickteste Vorgehen ließ die Sucht nicht mehr verheimlichen, der Druck von außen auf die „nicht funktionierende Ehefrau“ und „Rabenmutter“ wurde immer stärker, am Ende standen zwei Schlaganfälle.
Seit 2007 hat die Frau keinen Schluck Alkohol mehr zu sich genommen. Verschiedene Therapiegruppen in der Beratungsstelle haben ihr beim Entzug geholfen und in der Zeit danach, trocken zu bleiben. „Besser als jede Einzeltherapie“, so nennt sie eine Therapiegruppe, die sich im vergangenen Oktober gegründet hat, und die sich jetzt weiterhin monatlich trifft. Sie besteht aus sechs alkoholkranken Frauen und zwei co-abhängigen Frauen und wurde von Yvonne Neufeld ins Leben gerufen. Die Diplom-Sozialpädagogin ist als Suchttherapeutin in der Caritas-Suchtberatung in Ludwigshafen tätig.
Im Herbst des vergangenen Jahres ging eine ambulante Therapiegruppe für Suchtkranke zu Ende, aber die Beraterin spürte bei einigen Frauen das große Bedürfnis weiterzumachen. Gleichzeitig hatte sie zwei co-abhängige Frauen in der Beratung, für die es kein geeignetes Gruppenangebot gab. So entstand die Idee, ein gemeinsames Angebot für Frauen mit unterschiedlichen Abhängigkeiten zu entwickeln, und erstmals suchtmittelabhängige Frauen und co-abhängige Frauen in einer Therapiegruppe zu begleiten.
Was als ein „spannendes Experiment“ begann, wurde zu einem großen Erfolg für die Frauen.  „Ich habe hier Vertrauen gefunden“, sagt eine der Teilnehmerinnen. Aber vor allem haben sie viel voneinander gelernt: Die abhängigen Frauen, wie sehr der Partner unter der Sucht leidet, und die Co-abhängigen, wie es überhaupt so weit kommen kann. Aber sie haben auch ihre Gemeinsamkeiten erkannt. Beide Frauentypen sind auf etwas fixiert: Die einen auf den abhängigen Partner und die Aktion, ihn „retten“ zu wollen, die anderen auf das Suchtmittel. Beiden ist auch gemeinsam, dass ihr Selbstwertgefühl dabei auf der Strecke bleibt. „Mit meinem Mann konnte ich nie über die Sucht reden: Entweder er war beim Trinken, dann wollte er nicht, wenn er betrunken war natürlich auch nicht, und wenn er nüchtern war, gab es keinen Grund zu reden“, erzählt eine Frau.
Jetzt hat sie gelernt, dass sie nicht auf ihren Partner aufpassen muss, sondern auf sich selbst. „Es dreht sich nicht alles um meinen Mann, und mein Befinden hängt nicht davon ab, ob er trinkt oder nicht“, sagt sie. Seit sie die Gruppe besucht, hatte ihr Mann einen Rückfall. Statt wie früher selbst verzweifelt zu sein, ihm hinterher zu spionieren und eigene Bedürfnisse oder gar Unternehmungen nach hinten zu stellen, hat sie eine neue Bekannte aus der Gruppe angerufen und mit ihr gesprochen.
Denn auch das hat die Gruppe den Frauen gebracht: Sie haben Freundschaften entwickelt, treffen sich in ihrer Freizeit und bestärken sich in ihrer neuen Haltung: „Ich muss meine eigenen Entscheidungen treffen, bin nicht allein für alles verantwortlich und darf auch Nein sagen“, hat eine andere Frau gelernt, die von sich selbst sagt: „Ich hab früher gesoffen wie ein Loch.“
An die Stelle des Alkohols oder des „Helfersyndroms“ sind für die Frauen neue Dinge (wieder) getreten: Unternehmungen mit Freunden, Freizeitbeschäftigung wie Theatergruppe, Aquajogging und Yoga, der Wunsch abzunehmen oder der Wiedereinstieg in den Beruf. Denn dafür waren vorher keine Ressourcen vorhanden. Zu aufwendig waren die Maßnahmen, um die Fassade nach außen aufrecht zu erhalten. Denn Frauen trinken anders als Männer: in der Regel heimlich, wenn der Partner oder die Kinder aus dem Haus sind, und nicht die ganz starken Getränke, sondern Bier, Wein oder Sekt, denn noch immer sind die Vorurteile über alkoholabhängige Frauen sehr viel vernichtender als über Männer.
Die Caritas-Suchtberatung ist seit 1994 anerkannt für die ambulante Rehabilitation. Es arbeiten hier zwei Therapeutinnen und zwei Therapeuten zusammen mit einem Arzt im Team. Vor allem für Frauen sind ambulante Therapien sehr hilfreich, da sie gut vereinbar sind mit den Familienaufgaben.
Für zwei der Frauen war die Erfahrung der Gruppe so gut, dass sie selbst eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Suchtkranken gründen möchten.  Sie wird derzeit mit Yvonne Neufeld geplant und beginnt voraussichtlich nach den Sommerferien. Außerdem wird es im September wieder eine neue Therapiegruppe geben, bei der Frauen mit unterschiedlichen Abhängigkeiten zusammen arbeiten.
Nähere Informationen zu der Selbsthilfegruppe für Angehörige und zur Therapiegruppe für Frauen erhalten Sie über die Beratungsstelle. Die Caritas-Suchtberatung befindet sich in der Leuschnerstraße 149, 67063 Ludwigshafen, Tel. 0621-53907310 oder suchtberatung.ludwigshafen@caritas-speyer.de
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